Alle verlangen von uns, dass wir ständig funktionieren: Der Arbeitgeber oder das eigene Geschäft, der Partner und die Kinder mit allen Ansprüchen, Freunde wollen besucht oder mindestens angerufen werden, Nachbarn hoffen auf ein nettes Gespräch. Zuerst starten wir voller Elan und mit positiver Einstellung, ein guter Mitarbeiter, ein guter Ehepartner und umsorgender Elternteil zu sein.
Schon von klein auf wurde uns antrainiert, dass unser Selbstwertgefühl mit unserem Erfolg steigt. Das bringt uns dazu, immer mehr Anstrengung in viele Bereiche unseres Lebens zu stecken. Diese Dauerbelastung, besonders wenn keine Pausen oder Urlaube für Erholung sorgen, verbraucht den Idealismus und die Angst zu versagen nimmt immer mehr Platz ein. Die folgende Erschöpfung lässt das Engagement sinken, Körper und Seele sind wie ausgebrannt. Die Psychoanalytiker Herbert Freudenberger und Christina Maslach prägten für diesen Zustand den Begriff „Burnout“, der erstmals 1974 veröffentlicht wurde.
Jahrelang wurde das Burnout-Syndrom nur gestressten Führungspersonen attestiert. Mit dem Bekannterwerden dieser Kondition, dem Gefühl der inneren Leere, das Erschöpftsein jenseits der Möglichkeit, sich schnell wieder zu erholen, wurde klar, dass immer mehr Menschen betroffen sind. Besonders gefährdet sind nicht nur Profi-Sportler, Schauspieler und Sänger, sondern Personen in helfenden Berufen wie Ärzte und Pflegepersonal, Lehrer, Hausfrauen und Pfarrer. In jeder Berufsgruppe kann Burnout entstehen, wenn sich die Person stark in ihrem Feld engagiert, sich unter Druck setzt oder setzen lässt und hohe Erwartungen an sich selbst stellt. Fehlen dann noch Anerkennung für die geleistete Arbeit und den Einsatz, bleiben die Erfolge aus, stimmt das Arbeitsklima oder die Arbeitsbedingungen nicht und der Betroffene findet keinen Ausgleich in der Freizeit, wird ein Burnout immer wahrscheinlicher. Die Mischung aus inneren und äußeren Faktoren führt zu einer Selbstüberforderung, die Körper und Geist erschöpft.
Betrachten wir uns einige Berufsgruppen näher: Wichtige Dienste für die Gesellschaft leisten Arbeitstätige, die in helfenden und lehrenden Berufen tätig sind. Ihr Arbeitsalltag ist von hohen Erwartungen geprägt, aber nur selten erhalten sie das so wichtige positive Feedback für ihren Einsatz. Patienten, denen nicht mehr geholfen werden kann, sagen oft nicht Danke. Stirbt ein Patient, trotzdem dass er eine umfassende und gute Behandlung erhalten hatte, ist das für das Gesundheitspersonal enttäuschend und das nervenaufreibende Gefühl, umsonst gearbeitet zu haben, macht sich breit.
Ähnlich liegt die Situation beim Lehrpersonal: Welcher Schüler bedankt sich für die geleistete Arbeit des Lehrers? Stunden der Planung und Vorbereitung, die Mühe, allen Schülern etwas zu vermitteln und sorgfältige Korrekturen der Hausaufgaben verlangen Aufopferung und Energie, die meist sogar noch geringschätzig abgewertet wird. Der Respekt vor Lehrern und ihrer Arbeit ist in den letzten Jahren sichtlich geschrumpft und das Verhalten der Schüler wird immer rebellischer. Wer den Lehrberuf mit Idealen und Begeisterung begonnen hat, kann bei dieser Last immer angreifbarer für Erschöpfungszustände werden, die zu Burnout führen können.
Die Doppelbelastung von vielen Frauen, die Kindererziehung samt Haushalt sowie ihren Beruf zu managen, verlangt viel ab. Zudem hört die Arbeit als Mutter nie auf. Die meiste Arbeit erbringen die Frauen ohne Vergütung und oft ohne Lob und Anerkennung – eine ausbrennende und erschöpfende Mischung.
Phasen des Burnout-Syndroms
Die Erschöpfung von Körper und Geist erfolgt schrittweise. Anfangs stehen die hohen Erwartungen, die durch ein hohes Engagement und den Drang, sich zu beweisen, erfüllt werden sollen. Überschätzung, ungünstige Bedingungen oder andere Umstände führen dazu, die Erwartungen nicht erfüllen zu können. Die Folge sind seelische und körperliche Erschöpfung, Niedergeschlagenheit, geringeres Engagement und Einfühlungsvermögen sowie beginnende zwischenmenschliche Probleme.
Der betroffenen Person wird langsam bewusst, dass sie die Situation nicht mehr meistern kann, egal wie viel Mühe und Zeit investiert wird. Dafür macht sie sich entweder selbst verantwortlich und verfällt in depressive Verstimmung oder sie beschuldigt andere, was bis zu Aggressionen führen kann. Im Allgemeinen nehmen die Emotionen jedoch ab, soziale Kontakte nehmen beruflich wie privat ab, die Leistungen werden sichtbar reduziert. In dieser Phase merken Familie und Freunde oft die Veränderung, denn der Betroffene interessiert sich für nichts mehr, leidet an nervöser Überforderung und Energiemangel.
Auch auf körperlicher Ebene breitet sich die Anspannung aus und führt zu Schlafstörungen, das vegetative Nervensystem leidet an Erstarrung und der ganze Körper wird anfällig für Krankheiten. Die Dauererschöpfung mündet in Dauermüdigkeit, der Stress erhöht den Blutdruck und übersäuert das System, was zu Herz-Kreislauf-Problemen und Magen-Darm-Beschwerden führen kann. Weitere mögliche Körperreaktionen sind Ohrengeräusche, Kopf-, Glieder- und Muskelschmerzen. Der Patient leidet an Konzentrations-Störungen, ist oft pessimistisch, unruhig, aggressiv und aufbrausend mit der Tendenz zur Depression und möglichen Selbstmordgedanken.
Dennoch liegt jeder Burnout-Fall etwas anders, nicht immer müssen alle Symptome auftreten, denn zu verschieden sind die Umstände und Persönlichkeiten. Die Folgen für die betroffene Person sind oft lange Ausfälle durch Krankheit, oft sogar Kündigung oder vorzeitige Pensionierung.
Hilfe bei Burnout
Der beste Versuch, der Dauererschöpfung und Ermüdung entgegenzuwirken, ist Erholung. Die betroffene Person sollte zu einem Kur- oder Ferienaufenthalt für mindestens vier Wochen fahren, da der Erholungseffekt erst nach drei Wochen einsetzt. Prominente finden oft Entspannung, wenn sie sich vom Rampenlicht gänzlich für eine Zeitlang entfernen und sich völlig anderen Tätigkeiten zuwenden. Einige gehen auf ausgedehnte Reisen, widmen sich wohltätigen Arbeiten oder ziehen sich ins Privatleben zurück.
Immer mehr Fürsprecher findet das „Sabbatical“, ein Begriff aus dem Alten Testament. Er beschreibt die Phase, ein Feld nach sechsjähriger Nutzung als Brache für ein Jahr liegen zu lassen. Immer mehr Berufstätige äußern den Wunsch nach solch einem Jahr, in dem sie anderen Beschäftigungen nachgehen können. Immer mehr Arbeitgeber genehmigen ein unbezahltes Jahr Urlaub mit Wiedereinstiegs-Garantie, denn die Angestellten kehren ausgeruht, mit neuer Energie und Engagement zurück.
Pfarrer in den Berner Landeskirchen, die mindestens seit zehn Jahren im Dienst sind, steht ein Studienurlaub von sechs Monaten zu. Die Länge der Beurlaubung wurde um zwei Monate erhöht, da die Burnout-Gefahr bei Pfarrern sehr hoch liegt und eine längere Pause vom Gemeindedienst nachhaltigere Erholung schafft. Die Geistlichen erlangen in dieser Zeit wieder etwas Abstand zur Arbeit mit all ihren Problemen und können mit neuer Kraft zurückkehren.
Sucht ein Burnout-Syndrom-Patient erst Hilfe im fortgeschrittenen Stadium, reicht eine Beurlaubung nicht mehr aus. Hier empfiehlt sich eine Psychotherapie, die unterstützt werden kann durch komplementäre Methoden wie Yoga, Meditation, Akupressur, Akupunktur und Aromaöl-Massagen. Muskelentspannung nach Jakobsen und Autogenes Training helfen bei der körperlichen und seelischen Entspannung. Gute Erfolge bei Burnout wurden zudem mit homöopathischen Behandlungen sowie Wärme-Licht-Therapien erzielt, welche den Körper bei der Heilung unterstützen und das seelische Gleichgewicht wiederherstellen.
Burnout die Stirn bieten, bevor es entsteht
Vorbeugen ist natürlich auch bei Dauerstress-Symptomen besser als Heilen. Finden sie die Hauptursache für die Erschöpfung heraus und bewahren sie eine Distanz zu den Aufgaben, die sie zu sehr fordern. Klare Aufgabengebiete und ein hilfsbereiter Umgang mit Mitarbeitern fördern eine positive Arbeitsatmosphäre und ebnen die Wege für konstruktive Kritik und Feedback. Hilfe von außen bietet zum Beispiel Supervision.
Schaffen sie sich privat einen Ausgleich zur Arbeit und ihren Verpflichtungen: Eine sportliche Betätigung, ein – vielleicht neues – Hobby und gepflegte Freundschaften sind Beispiele für Gegengewichte. Das Erste-Hilfe-Mittel nach einem stressigen Tag ist ein straffer Spaziergang, Sport an der frischen Luft oder Gartenarbeit – das beugt darüber hinaus auch gleich Herz-Kreislauf-Schwächen vor.
Wichtig ist es, auf einen erholsamen Schlaf und basische Ernährung zu achten. Eine Ernährungsumstellung kann entsäuern und die angelagerten Schlacken abtransportieren, die durch Stress aufgebaut wurden. Besonders wirksam sind Melone, Erdnüsse, Walnüsse, Gurken bzw. alle wasserhaltigen Obstsorten. Genügend Vitamin C und E, Magnesium und spezielle Kräutertees aus der Traditionellen Chinesischen Medizin bringen das gestresste vegetative System wieder ins Gleichgewicht.
Krankheit als Zeichen
Jede schlimme Situation im Leben hat irgendwo auch ihre positive Seite: Von den Patienten werden tiefe, individuelle Erfahrungen gemacht, die – unter professioneller Anleitung – die persönliche Entwicklung ein gutes Stück voranbringen können. Der Ex-Skispringer Hupert Neuper litt beispielsweise am Burnout-Syndrom, zog sich für ein halbes Jahr in die USA zurück und äußerte nach seiner Besserung: "Solche Erfahrungen helfen einem auch in der persönlichen Entwicklung weiter". Wer das Burnout-Syndrom erkennt und aktiv behandelt, hat die Chance, die Prioritäten des Lebens neu zu ordnen und einen Neuanfang zu wagen.