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Akupressur

Ein Griff, ein Händedruck und wer eben noch unter einer quälenden Migräne litt ist plötzlich schmerzfrei. Was wie ein Traum klingt, kann durchaus Wirklichkeit werden, zumindest im Ansatz: Durch sanften Druck auf bestimmte Hautareale ist es möglich, Schmerzen zu lindern und Erkrankungen zu heilen. Akupressur nennt man diese Technik, die seit einigen Jahren immer größere Bekanntheit erlangt.

Wie viele alternative Heilmethoden wird die Akupressur, chinesisch Zen Jui, von den hiesigen Schulmedizinern eher argwöhnisch beäugt: Sie widerspricht vollkommen dem, was die westliche Medizin lehrt, die nicht oder nur beschränkt an ganzheitliche Heilmethoden glaubt. Zusammen mit ihrer verwandten Therapieform, der Akupunktur, wurde die Akupressur bereits in zahlreichen Studien untersucht, der Argwohn allerdings blieb.

Dabei ist die Anwendung von Akupressur im Prinzip ganz schnell und einfach erklärt, ein Therapieerfolg schnell festgestellt. Für sie spricht auch, dass sie vollkommen frei von Nebenwirkungen ist und somit selbst bei Kleinkindern angewendet werden kann. Und tatsächlich: Bereits Schulkinder lernen in China und Japan, wie sie sich mittels Energiepunkten und Massagetechniken selbst von Schmerzen befreien können.

Sie sind neugierig geworden? Dann lesen Sie weiter und erfahren Sie mehr über Ursprung und Entwicklung der Akupressur, über ihre Wirkung, Behandlung und warum jeder lernen kann, sich selbst mit Akupressur zu therapieren.

Akupressur

Akupressur @iStockphoto/Stills

Ursprung und Entwicklung der Akupressur

Die Entwicklung von Akupunktur und Akupressur verlief in weiten Teilen sehr ähnlich. Kein Wunder: Beide Therapieformen basieren auf denselben Grundlagen, beide nutzen die Meridiane, um Einfluss auf den Körper und seine Funktionen zu nehmen. Der Unterschied besteht nun darin, dass die Akupunktur mit ihrer Technik, die Akupunkturpunkte mittels Nadeln zu stimulieren, zur eigenständigen Therapieform avancierte. Die Akupressur dagegen entwickelte sich weiter und wurde bald in Zusammenhang mit verschiedenen Massagetechniken angewendet: Bereits im dritten Jahrhundert vor Christus nutzte man Massagen an bestimmen Akupunkturpunkten in Verbindung mit Arzneien, um verschiedener Krankheiten Herr zu werden.

Ihren Ursprung hat die Akupressur als Teil der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) in den verschiedensten Heilsystemen unterschiedlicher Epochen, aber auch im Daoismus. Der Daoismus ist neben Konfuzianismus und Buddhismus einer der berühmten „Drei Lehren“. Ein zentraler Begriff dieser Lehre ist Qi, das auch bei der Akupressur eine zentrale Rolle spielt: Das Qi ist es, das die Akupressur zum Fließen und ins Gleichgewicht bringen soll.

In ihrer weiteren Entwicklung ist die Akupressur stets in Zusammenhang mit den verschiedenen Massagepraktiken der TCM zu betrachten, da beides untrennbar miteinander verknüpft ist. Etwa ab dem 1. Jahrtausend verbreiteten sich Massagetechniken immer mehr. Sie fanden nicht nur im kaiserlichen Palast Verwendung, auch das einfache Volk wusste um die Heilkraft von Massagen, die an bestimmten Punkten des Körpers angewendet wurden. Heute gibt es in China zahlreiche Institute und Schulen, die sich nur mit Massagetechniken und Akupressur beschäftigen, beinahe jedes Krankenhaus verfügt über Abteilungen für Massage und Akupunktur. Die Akupressur lebt als eigenständige Technik, aber auch in verschiedenen Massage- und Therapieformen weiter. Zu den wohl wichtigsten unter ihnen zählen Tuina und Shiatsu, die in den nächsten Abschnitten etwas genauer betrachtet werden sollen.

Tuina

Tuina, auch Tui-Na oder Tui Na, allein auf eine Massage zu reduzieren, würde dieser Heilkunst nicht ganz gerecht werden. Es handelt sich dabei um ein wichtiges Konzept in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und bezeichnet grob verallgemeinert die chinesische manuelle Medizin. Übersetzt bedeutet Tuina so viel wie schieben und ziehen, was bereits einen Hinweis auf die angewendeten Techniken gibt.

Hauptbestandteile von Tuina sind neben Chiropraktik und Akupressur auch die manuelle Therapie und verschiedene Massagetechniken. Wie bei der Akupressur ist die Herangehensweise ganzheitlich, Ziel ist es, das Qi wieder zum Fließen zu bringen. Neben verschiedenen Techniken, bei denen geschoben, gerieben und gezogen wird, kommt dabei vor allem die Akupressur zum Zug: Die verschiedenen Energiepunkte auf den Meridianen werden mittels Druck oder Variationen davon stimuliert. Statt der Finger können dabei auch Faust, Ellenbogen oder Knie zum Einsatz kommen. Ergänzt werden diese Behandlungen durch Mobilisations- und Dehntechniken sowie klassische Techniken der manuellen Therapie.

Tuina findet vor allem bei Erkrankungen des Bewegungsapparates Anwendung. Aber auch andere Beschwerden wie gynäkologische Probleme, Verstopfung oder Migräne können damit gelindert werden. Das Anwendungsspektrum entspricht in etwa dem der klassischen Akupressur. Tuina wird in China keineswegs nur von Ärzten oder Therapeuten praktiziert: Das Wissen darum kursiert in der Bevölkerung, Behandlungen durch Freunde oder Familienmitglieder sind dabei an der Tagesordnung.

Shiatsu

Shiatsu ist zwar eine japanische und keine chinesische Massageform, in Zusammenhang mit Akupressur darf sie aber keinesfalls unerwähnt bleiben. Wörtlich übersetzt bedeutet Shiatsu Fingerdruck und ist eine Weiterentwicklung der chinesischen Tuina. Die Technik entwickelte sich im chinesischen Mittelalter aus den Vorstellungen der TCM und den bis dahin bekannten Behandlungsmethoden heraus.

Allerdings unterscheidet sie sich von Akupressur und Tuina hinsichtlich der Energiepunkte: Während letztere an den Energiepunkten der Meridiane ansetzen, wird bei Shiatsu entlang der Meridiane behandelt, die Energiepunkte sind dabei also nicht von Bedeutung.

Shiatsu-Behandlungen umfassen ähnlich wie Tuina-Behandlungen nicht nur Massagen mit den Händen an energetisch wichtigen Stellen. Der Therapeut setzt seinen ganzen Körper ein, um energetische Blockaden zu lösen und das Qi, hier Kanji genannt, wieder zum Fließen zu bringen. Nicht selten arbeiten Shiatsu-Therapeuten nicht nur mit Muskelkraft, sondern auch mit dem eigenen Körpergewicht. Behandelt wird der Patient gewöhnlich auf einer Matte am Boden, ergänzt werden die Druckmassagen beispielsweise durch Rotationen, Drehungen und Dehnungen.

Grundlagen der Akupressur

Wie bereits erwähnt ist die Akupressur eine Anwendung der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Um zu verstehen, auf welche Weise sie wirkt und welche Punkte bei welchem Problem angesprochen werden müssen ist es daher notwendig, sich zunächst ein wenig mit der TCM im Allgemeinen zu befassen.

Die TCM ist eine bereits Jahrtausende alte Heilkunde, die sich nicht nur gesundheitlichen Problemen ganzheitlich nähert. Sie verbindet Ernährungswissenschaft und Bewegungslehren mit traditionell überlieferten Arzneien und einer Reihe von Therapieanwendungen wie etwa Massagen, Moxibustion oder auch Akupunktur. Auch die Akupressur zählt zu diesen Therapiemethoden. In der TCM ist sie nie alleiniges Heilmittel, sondern wird immer mit anderen Methoden zu einem ganzheitlichen Heilkonzept verbunden.

Ein derartiges Vorgehen findet man in Deutschland selten: Hier soll die Akupressur allein leisten, was im Ursprungsland ein ganzer Maßnahmenkomplex zu leisten imstande ist. Kein Wunder, dass die unvermeidliche Enttäuschung groß ist: Wendet man die Akupunktur losgelöst von der TCM an, kann sie gar nicht die Wirkung entfalten, die sie zusammen mit anderen Maßnahmen zu erreichen imstande ist. Aber muss das gleich bedeuten, Akupressur von vornherein abzulehnen? Die Antwort darauf ist schwierig: Wer Akupunktur als Einzelmaßnahme auf den Prüfstand stellt und mit der Schulmedizin vergleicht, kann zu keinem befriedigenden und fairen Ergebnis kommen, schließlich vergleicht man dabei eine einzelne Therapieform mit einer kompletten Schule.

Wirkungsprinzipien der Akupressur

Um die Wirkung der Akupressur zu verstehen ist es notwendig, sich zunächst mit den grundlegenden Begriffen der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) auseinander zu setzen. Die für die Akupressur wichtigsten sind das Qi und die Meridiane.

Das Qi ist ein Schlüsselbegriff in der chinesischen Wissenschaft und Medizin: Es bezeichnet ganz allgemein die Lebensenergie, die jedem Gegenstand und jedem Lebewesen innewohnt und sie stetig durchdringt. Dabei ist das Qi keineswegs eine statische Kraft: Jeder Organismus ist ein komplexes Gebilde aus Qi-Strukturen, die sich im Gleichgewicht miteinander befinden. Ist das Gleichgewicht gestört, entsteht eine Krankheit, die darauf hinweist. Aufgabe der TCM und aller ihrer Therapieansätze ist es, das Qi im Körper wieder ins natürliche Gleichgewicht zu bringen. So gesehen hilft also auch die Akupressur dabei.

Durch den Körper fließt das Qi in Bahnen, die teilweise an der Körperoberfläche und teilweise leicht darunter verlaufen. Diese Bahnen sind auch als Leitbahnen bzw. Meridiane bekannt. Der Begriff Meridian stammt eigentlich aus der Astronomie und trifft nicht ganz die Bedeutung der chinesischen Bezeichnung qingluo. Qingluo bezeichnet Kanäle (qing) und Trakte (luo), durch die das Qi pulsiert. Dabei handelt es sich aber nicht um auf den Körper projizierte Linien wie so oft im Westen angenommen. Auf den Meridianen befinden sich Akupunkturpunkte, die sowohl zur Akupunktur als auch zur Akupressur verwendet werden. An diesen Punkten lässt sich ein Meridian besonders gut stimulieren. Das ist insofern von Bedeutung, da die Meridiane der 5-Elemente-Lehre folgend mit den wichtigsten Organen verbunden sind – eine Stimulation der Akupunkturpunkte, also der Meridiane, hat demzufolge direkte Auswirkungen auf das betreffende Organ. Auf diese Weise soll es möglich sein, Beschwerden zu lindern und Krankheiten vorzubeugen.

Die Akupressur-Behandlung

Die Akupressur-Behandlung dient in erster Linie der Linderung von Beschwerden, präventiv wird sie seltener eingesetzt. Das Gute daran: Im Regelfall tut eine Akupressur-Behandlung kein bisschen weh. Lediglich ein warmes Gefühl und vielleicht ein Kribbeln ist zu spüren, wenn ein Energiepunkt aktiviert ist.

Gerade wer noch nie eine Akupressur-Behandlung erlebt hat und noch nicht weiß, was auf ihn zukommt, geht möglicherweise mit einem mulmigen Gefühl zum Therapeuten. Das muss aber nicht sein: Im Prinzip erwartet Sie bei der Akupressur eine Massage, es gibt also keinen Grund zur Sorge. Was alles im Vorfeld der eigentlichen Behandlung geschieht, welche Techniken angewendet werden und wie eine Behandlung im Regelfall abläuft, das erfahren Sie in den nächsten Abschnitten.

Vorbereitung der Akupressur

Vor einer Akupressur-Behandlung – egal ob sie von einem Therapeuten in einer Praxis oder selbst zu Hause durchgeführt werden soll – steht zunächst einmal die Diagnostik. Nur wenn klar ist, wo welche Beschwerden vorliegen, kann auch gezielt dagegen vorgegangen werden. Ein gut ausgebildeter Therapeut bedient sich dabei der diagnostischen Methoden der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM): Er nutzt Inspektion, Palpation, Auskultation bzw. Olfaktion und Anamnese. Für alle, die kein Fachchinesisch verstehen: Der Therapeut betrachtet den schmerzenden Körperteil näher (Inspektion), er tastet ab (Palpation), bewertet eventuell Geruch und Klang und befragt seinen Patienten zu seiner Vorgeschichte und seinen Beschwerden (Anamnese). Bei der Inspektion kommen meist zwei traditionell chinesische Verfahren zum Einsatz: Die Zungendiagnostik und die Pulsdiagnostik. Dabei werden das Zungenbild und der Puls dazu herangezogen, mehr über den Gesundheitszustand des Patienten zu erfahren. Das Ergebnis fließt in die Diagnose des Therapeuten ein und beeinflusst damit die Akupressur-Behandlung.

Auch wer Freunde oder Familienmitglieder eine Akupressur-Behandlung durchführen lässt, sollte sich zunächst der Diagnose sicher sein. Andernfalls könnten Schmerzen und eine Verschlechterung des Allgemeinbefindens die Folge einer allzu vorschnell durchgeführten Behandlung sein. Wird die Behandlung zu Hause durchgeführt, sollte man vorab für eine ruhige, entspannte Atmosphäre sorgen, die die wohltuende Wirkung der Akupressur unterstützt. Fernseher, Radio & Co sollten dabei ausgeschaltet bleiben, das Telefon leiser gestellt werden. So vorbereitet kann die Akupressur beginnen.

Behandlungsformen und Techniken bei der Akupressur

Natürlich bedeutet Akupressur nicht nur, dass mit einem Finger an einer Stelle Druck ausgeübt wird: Bestandteil dieser Behandlung sind unterschiedliche Formen und Techniken, die hier kurz vorgestellt werden sollen.

Die Akupressur erfolgt zunächst mit der Fingerkuppe von Daumen, Zeigefinger oder Mittelfinger, an einigen Energiepunkten kommt auch der Fingernagel zum Einsatz. Die Finger umkreisen den jeweiligen Energiepunkt oder massieren mit sanftem, gleichmäßigen Druck entlang des Meridians auf und ab. Je nach Lage der Energiepunkte variiert der ausgeübte Druck: Ist bei Energiepunkten am Hals und im Gesicht Vorsicht geboten, müssen Punkte an weniger sensiblen Stellen wie etwa Muskeln kräftig massiert werden. Einfluss auf die Druckintensität haben natürlich auch der Allgemeinzustand des Patienten und seine Druckempfindlichkeit. Im Allgemeinen beginnt die Akupressur sanft und steigert sich im Laufe der Behandlung langsam.

In Bezug auf die Techniken unterscheidet man bei der Akupressur ähnlich wie bei der manuellen Therapie das Drücken, Kneten, Reiben und das Klopfen mit Fingern und Fingernägeln, aber auch mit Handkanten und Handballen. Das Drücken entspricht dem, was man mit Akupressur assoziiert, am ehesten: Auf einen Akupunkturpunkt wird ein gleichmäßiger Druck ausgeübt, der leicht schmerzhaft sein kann. Der Punkt wird mit gleicher Intensität so lange weitergedrückt, bis der Schmerz nachlässt. Beim Kneten, das wir gedanklich meist mit einer Massage verbinden, werden Bindegewebe und Muskeln im Uhrzeigersinn massiert. Geringen Druck übt man beim Reiben aus, das vor allem der Steigerung der Durchblutung dient. Auch das Klopfen kommt im Rahmen der Akupressur zum Einsatz: Schwaches Klopfen beruhigt einen Energiepunkt, starkes Klopfen aktiviert ihn.

Ablauf einer Akupressur-Behandlung

Nachdem im Vorfeld der Akupressur bereits eine Diagnose gestellt und die Ursache für die vorliegenden Beschwerden bestimmt wurde, kann die eigentliche Behandlung im nächsten Schritt erfolgen. In früheren Zeiten führte man Massagen und andere Heilbehandlungen unbekleidet durch, heute ist das eher unüblich. Wichtig ist es trotzdem, die zu behandelnden Stellen zu entblößen, da sonst nicht richtig massiert werden kann. Der Therapeut sollte im Interesse seiner Patienten dafür Sorge tragen, dass das Behandlungszimmer angenehm temperiert ist.

Da die Akupressur-Behandlung im Extremfall bis zu eine Stunde dauern kann, sollten Patient und Therapeut eine als angenehm empfundene Körperhaltung einnehmen. Es ist nicht immer notwendig, sich auf den Bauch oder Rücken zu legen, trägt aber zur Entspannung und somit auch ein Stückchen zur Heilung bei. Wichtig ist, dass der Körperteil, der gerade behandelt werden soll, locker bleibt.

Um besser massieren zu können, bieten sich verschiedene Hilfsmittel aus der Physiotherapie-Praxis an. Je nach Behandlungsziel, Intensität und Körperteil ist es möglich, beispielsweise Talkpuder, Salbe, Ilexöl oder ein flüssiges Analgetikum aufzutragen. Bei der Massage selbst müssen sich Patient und Therapeut erst einspielen: Jeder Patient hat eine andere Schmerzgrenze, nicht jeder verträgt eine bestimmte Druckintensität gleich gut. Je mehr Behandlungen durchgeführt werden, desto besser kennt der Therapeut seinen Patienten und desto besser kann er auch einschätzen, wie viel Druck er an welchem Punkt einsetzen kann. Jede Akupressur-Behandlung beginnt zuerst mit sanftem Druck, der sich langsam verstärkt, gegen Ende der Behandlung aber wieder abnimmt. Schmerzen sollten während der Behandlung nicht auftreten.

Dauer und Häufigkeit von Akupressur

Wie lange und häufig eine Akupressur-Behandlung durchgeführt werden muss ist abhängig vom Krankheitsbild des Patienten. Komplexe, chronische Erkrankungen sind tendenziell nicht so schnell heilbar wie beispielsweise Hämorrhoiden und auch die Schwere der Erkrankung muss bei der Kalkulation der Behandlungslänge und -intensität beachtet werden. Daneben ist aber auch ausschlaggebend, wie der Patient auf die Behandlung anspricht: Im besten Fall verkürzt sich die Behandlungszeit unerwartet, im schlimmsten verlängert sie sich deutlich.

Angesichts dieser Voraussetzungen ist es schwierig pauschal anzugeben, wie lange eine Akupressur-Sitzung in der Regel dauert. Ebenfalls wichtig für die Behandlungslänge ist nämlich auch, ob ein Energiepunkt beruhigt oder Stimuliert werden soll: Eher beruhigend wirkt ein langer, gleichmäßiger Druck auf einen Energiepunkt, eher aktivierend wirkt eine Druck-Folge, bei der der Druck kurz, aber zunehmend intensiv ausfällt. Ebenfalls wichtig für die Dauer einer Akupressur-Behandlung ist die Anzahl von Energiepunkten, die behandelt werden müssen: Spricht der Patient an den Hauptpunkten nicht wie gewünscht an, müssen Zusatzpunkte aktiviert werden, was natürlich die Länge der Behandlung beeinflusst.

Bezieht man all diese Voraussetzungen in seine Überlegungen ein ist es realistisch, von einer Behandlungsdauer von durchschnittlich 30-45 Minuten auszugehen. Die Behandlung erfolgt je nach Art und Schwere der Erkrankung täglich oder alle zwei Tage. Die Behandlungen werden in der Regel in Behandlungsphasen eingeteilt, wobei 7 bis 10 Behandlungen eine Phase umfassen. Bei schwereren Erkrankungen ist möglicherweise eine zweite oder dritte Behandlungsphase notwendig.

Anwendungsgebiete

Anwendung findet die Akupressur klassischer Weise insbesondere bei Erkrankungen des Bewegungsapparates: Egal ob Gelenke oder Muskeln, Sehnen oder Nerven, alle Symptome können damit behandelt werden. Bei der Behandlung geht es aber nicht nur um die Stillung von akuten Schmerzen: Auch Steifheit, Verhärtungen, Spannung oder Sensibilitätsstörungen sind damit therapierbar. Für jeden Schmerz, jedes Symptom gibt es eine Reihe bestimmter Handgriffe und Hauptpunkte, die das Wohlbefinden verbessern helfen. So liegen die Haupt-Akupressurpunkte bei einem Bandscheibenvorfall beispielsweise rund um den Nabel und unter dem Brustbein, Hilfspunkte befinden sich am Oberschenkelansatz.

Aber auch im gynäkologischen und psychischen Bereich wendet man die Akupressur an. Sie lindert beispielsweise Menstruationsbeschwerden und Depressionen, aber auch Migräne, Angst oder Konzentrationsschwäche. Überliefert sind auch Akupressur-Behandlungen bei Erkältungssymptomen wie Husten, Heiserkeit oder Halsschmerzen.

Verallgemeinert könnte man sagen die Akupressur kann bei allen Beschwerden eingesetzt werden, die im täglichen Leben auftreten können, angefangen von Verdauungsbeschwerden und Tinnitus über Hämorrhoiden bis hin zu Appetitlosigkeit oder Zahnschmerzen. Beachtet werden sollte dabei allerdings: Die Akupressur kann helfen, den Schmerz oder Reiz zu dämpfen, sie hilft aber nicht dabei, die Schmerzursache zu beseitigen. Demzufolge sollte sie eher als Erste-Hilfe-Mittel verstanden werden, eine Therapie ersetzt sie aber – gerade bei Erkrankungen des Bewegungsapparates – in keinem Fall.

Gefahren und Risiken

Gefahren und Risiken treten bei der Akupressur immer dann auf, wenn der Therapeut (noch) nicht sehr geübt ist. Fehlerquellen sind zum einen die Stimulation falscher Akupunkturpunkte und Meridiane, was zur Verschlimmerung der Symptome oder neuen Symptomen führen kann, und zum anderen ein falscher Druck, der Verletzungen herbeiführen kann. Gerade Punkte im Halsbereich sollten nur leicht massiert werden. Der Druck beginnt nie gewaltsam, sondern stets vorsichtig, langsam und steigert sich gleichmäßig.

Es gibt aber auch Beschwerden, bei denen auf die Anwendung der Akupressur verzichtet werden sollte. Zu ihnen zählen beispielsweise bösartige Geschwulste und Eitergeschwüre: Der Druck könnte sie zum Platzen bringen, was eine erste gesundheitliche Gefahr bedeuten würde. Ebenso zu unterlassen ist die Behandlung beispielsweise bei akuten Infektionskrankheiten, Entzündungen, Osteoporose, frischen Verletzungen, Knochenbrüchen oder schweren Herzkrankheiten. Weitere Ausschlussgründe für eine Akupressur-Behandlung sind Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems oder des Gefäßsystems wie etwa Thrombose oder Krampfadern.

Einzelne Punkte sollten zu bestimmten Zeiten nicht behandelt werden. Während Schwangerschaft und Menstruation ist beispielsweise von Behandlungen in der Bauch- und Lendengegend abzusehen. In der Schwangerschaft sollten auch die Hormonpunkte nicht stimuliert werden: Sie könnten vorzeitige Wehen auslösen. Von der Aktivierung der Leib- und Unterleibspunkte ist bei schweren internistischen Erkrankungen eher abzuraten.

Eine Warnung geht an alle Patienten, die Akupressur oder mit Akupressur verwandte Techniken häufig oder regelmäßig in Anspruch nehmen: Aufgrund der regelmäßigen Absenkung des Schmerzempfindens durch Akupressurtechniken könnten Symptome so stark abgemildert werden, dass ernsthafte Erkrankungen möglicherweise übersehen werden könnten.

Kosten und Kostenübernahme

Therapeut für Akupressur ist zumindest in Deutschland kein anerkannter Ausbildungsberuf, im Prinzip darf sich jeder so nennen. Neben dem Problem, einen geeigneten, seriösen Therapeuten zu finden besteht daher aber auch noch ein anderes Problem: Es gibt keine Vorgaben für die Preisgestaltung, jeder Therapeut setzt seine Preise so an wie er will.

Recherchiert man eine Weile stellst man fest, dass ein Preisvergleich gar nicht so einfach ist: Häufig versuchen Therapeuten, ihre Akupressur-Behandlungen mit anderen Behandlungen zu verbinden, überall findet man Kombi-Angebote wie etwa Diagnose nach TCM und Akupressur oder Akupressur und Shiatsu-Massage. Aufgrund der manchmal sehr unterschiedlichen Leistungspakete ist es praktisch unmöglich zu sagen, was eine Akupressur-Behandlung allein in etwa kostet. Erschwerend kommt hinzu: In städtischen Lagen, wo mehrere Therapeuten in Wettbewerb zueinander stehen, fallen die Preise noch einmal anders aus als bei einem Therapeuten, der weit und breit als Einziger Akupressur anbietet und seine Preise diktieren kann. Berücksichtigt man all diese Faktoren und vergleicht man die Angebote dann noch einmal kann man sagen, eine Akupressur-Behandlung von etwa 45-60 Minuten Dauer kostet durchschnittlich in etwa 50-100 Euro. Eine Aussage über die Therapiedauer und die damit verbundenen endgültigen Kosten kann meist erst nach einer Erstanamnese getroffen werden. Häufig ist die mit einer Diagnose nach TCM verbunden und kostet etwas mehr als die nachfolgenden Sitzungen.

Akupressur zählt wie auch die Akupunktur nicht zur Regelleistung der gesetzlichen Krankenkassen, Patienten müssen die Kosten also aus eigener Tasche bestreiten. Nur in Einzelfällen und auf Antrag ist es vielleicht möglich, eine Kostenübernahme zu erzielen. Allerdings besteht für alle gesetzlich Versicherten die Option, die Kosten für ihre Heilbehandlung, die sie selbst getragen haben, als außergewöhnliche Belastung im Rahmen der Steuererklärung geltend zu machen.

Bei privat Versicherten erfolgt die Kostenübernahme durch die Versicherung, sofern alternative Heilbehandlungen im Tarif eingeschlossen sind. Ähnliches gilt auch für Patienten, die über eine private Zusatzversicherung verfügen und für Beamte, deren Behandlungskosten die Beihilfe übernimmt. Allerdings sollte im Vorfeld der Behandlung ein Gespräch mit der Versicherung stattfinden, in dem Behandlungsumfang und -kosten abgeklärt werden. Auf diese Weise können sie sichergehen, dass ihre Kosten wirklich in voller Höhe von der Versicherung übernommen werden.

Selbsttherapie

Akupressur-Behandlungen müssen zumindest von gesetzlich Versicherten aus eigener Tasche gezahlt werden und es ist gar nicht so einfach, einen seriösen Therapeuten zu finden. Warum also nicht selbst probieren, was die Therapeuten auch nur in Seminaren und Wochenend-Kursen lernen? Die Kurse stehen in der Regel jedem zahlenden Teilnehmer offen, im Prinzip kann sich hier jeder die wichtigsten Grundkenntnisse verschaffen. Auch Fach- und Sachbücher klären über Grundlegendes auf: Mit Ihnen lernt man, wo die wichtigsten Akupressur-Punkte liegen und wie sie richtig aktiviert werden.

In China, dem Ursprungsland der Akupressur, gehören die einfachsten Techniken seit Jahrtausenden zur Volksmedizin. Viele Menschen dort kennen einige Griffe, die schmerzlindern wirken können und wenden sie wie selbstverständlich im Alltag an. Akupressur gilt in China als Heilmittel, das auch die Lebenskraft steigern hilft. Auch Sie können sich etwas von diesem Wissen aneignen. Einer der wirksamsten Akupressur-Punkte ist beispielsweise der Hegu-Punkt, der zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand (bei Rechtshändern) bzw. der linken Hand (bei Linkshändern) liegt. Der kräftige Druck auf diesen Punkt mit dem Daumen der anderen Hand lindert beispielsweise Kopf- oder Zahnschmerzen.

Aber Vorsicht: Akupressur ist kein Allheilmittel, sondern kann lediglich akuten Schmerz dämpfen. Eine notwendige medizinische Behandlung ersetzt sie nicht. Achten Sie bei der Selbsttherapie darauf, dass Sie nur gesunde Haut massieren und ausschließlich mit der Kuppe des Daumens, des Zeige- oder Mittelfingers massieren.

Akupressur vs. Schulmedizin

Die Schulmedizin betrachtet die Akupressur wie auch die Akupunktur eher skeptisch. Schulmedizinische Studien, die diese Heiltechniken auch über einen längeren Zeitraum untersucht haben, konnten bisher keine eindeutige Wirksamkeit bestätigen, was auch der Grund dafür ist, dass Akupunktur und Akupressur von den gesetzlichen Krankenkassen nicht in den Leistungskatalog aufgenommen wurden. Heißt dieses Ergebnis aber, dass Akupressur nur Aberglaube und als Methode der Heilung nicht empfehlenswert ist?

Dem würden Millionen von Menschen in Asien vehement widersprechen: Sie erleben jeden Tag, wie Akupunktur und Akupressur wirken, in ihren Krankenhäusern gibt es sogar Spezialisten, die die Patienten mit Akupunktur und Akupressur behandeln und sogar narkotisieren. Für sie gehen Akupressur und Schulmedizin Hand in Hand, sie ergänzen sich ganz einfach.

Wünschenswert wäre diese Haltung auch für Deutschland: Auch hier könnten sich Akupressur und Schulmedizin wirkungsvoll ergänzen. Mit Akupressur ließen sich Schmerzen ohne Schmerzmittel oder zumindest mit deutlich geringen Dosen therapieren. Akupressur als Allheilmittel zu begreifen, das die Schulmedizin ersetzen könnte, wäre sicherlich ein falscher Ansatz, da das die Akupressur nicht leisten kann. Auf Seiten der Schulmedizin wäre eine größere Offenheit für Therapien wie die Akupressur wünschenswert. Natürlich, angesichts der manchmal zweifelhaften Ausbildung mancher Therapeuten fällt das Vertrauen in die Technik schwer. Im Gegenzug müssten also verbindliche Standards in der Ausbildung von Akupressur-Therapeuten geschaffen werden, damit Akupressur als Heilmethode in Deutschland eine echte Chance hat.

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