Skip to main content

Anorexie – dünn um jeden Preis

Geschmack ist bekanntlich ein recht streitbares Thema, so auch das Schönheitsideal der Gesellschaft. Während in den afrikanischen Kulturen eher rundere Proportionen zählen, kann in westlichen Ländern das genaue Gegenteil beobachtet werden. Einen besonders deutlichen Schnitt durch das Denken in den Industrienationen liefern gesellschaftliche Großereignisse, bei denen die Prominenz über den roten Teppich defiliert.

Was sich hier jedes Jahr der Weltöffentlichkeit präsentiert, ist zum Teil verblüffend: Beim Anblick gertenschlanker Stars und Sternchen beschleicht jede Couchkartoffel das ungute Gefühl, selbst mit normalen Körpermaßen zu den Schwergewichten zu gehören. Eine ganz ähnliche Stimmung macht sich beim Anblick der Haute-Couture breit. Was Männer aber oft kalt lässt, hinterlässt beim weiblichen Geschlecht einen bleibenden Eindruck. Nicht selten beginnt mit den Bildern der Modebranche im Kopf ein Kampf gegen den eigenen Körper, der nicht nur von Diäten und Sport begleitet wird, sondern hin zu schweren Essstörungen führen kann.

Lieber schick als dick?

Was die Anorexia nervosa, oder zu deutsch Magersucht, so gefährlich macht, ist die Tatsache, dass sich dieses Phänomen des Schlankseins durch alle Schichten der Bevölkerung zieht. Inzwischen sind nicht mehr nur die Modelle als Aushängeschild führender Designer von dieser Entwicklung betroffen, sondern Frauen, Mädchen und sogar zunehmend Männer. Dabei hat die Gesellschaft in den 1950er Jahren noch ganz anders ausgesehen: Damals waren Körperformen gefragt, wie sie heute eher zu den Auslaufmodellen in der Mode- und Filmbranche zählen. Vergleicht man als Beispiel eine Marylin Monroe mit den heutigen Vorzeigemodellen á la Kate Moss, fällt der Unterschied sofort ins Auge. An diesem Vergleich zeigt sich nur zu deutlich, dass im Schönheitsempfinden der Gesellschaft eine entscheidende Wende stattgefunden hat. Am Ende zählen heute nicht mehr wohlgeformte Proportionen, sondern eine möglichst dünne Figur – eine Entwicklung, die gerade auf den Laufstegen zum Teil groteske Formen angenommen hat. Models können sich kaum noch auf ihren Beinen halten, welche so dünn sind, dass sie ohne Probleme mit einem Oberarm eines Mannes verwechselt werden könnten. Sie haben Körper, an denen sich jeder Knochen einzeln abzeichnet. Das Sprichwort: „An Dir kann man ja jede Rippe zählen“, welches vor wenigen Jahren noch einen negativen Beigeschmack hatte, scheint heute zum guten Ton geworden zu sein. Dabei steht ein großer Teil diesem unbedingten Schlankheitswahn eher ablehnend gegenüber. Leider scheitert diese Haltung an der suggestiven Kompetenz der Medien, die gerade in der Zielgruppe zwischen 15 und 25 ihre Botschaft vom Schlanksein erfolgreich transportieren kann.

Magersucht

Magersucht @iStockphoto/PeJo29

Anorexie und ihre Behandlung

Obwohl ein Phänomen der Moderne ist die Anorexia nervosa ein Krankheitsbild, das bereits seit mehr als 130 Jahren in der Humanmedizin bekannt ist. Es handelt sich dabei um eine Störung der Selbstwahrnehmung. Während gesunde Personen Erfolg über ihre Arbeit und ein ausgefülltes Privatleben definieren, zeichnet sich der Anorexia-Patient durch eine Sichtweise auf den eigenen Körper aus, die selbst offensichtliches Untergewicht als abwertend darstellt. Betroffene empfinden sich als fett, obwohl die Waage und der Spiegel eindeutig eine andere Sprache sprechen. Obwohl bei der Magersucht Essen abgelehnt und jeder Bissen als schlecht empfunden wird, beschäftigen sich Patienten ausgiebig mit dem Essen als solches. Ein besonders ungewöhnlicher Widerspruch ist die Tatsache, dass einige der Betroffenen gern kochen und andere bewirten – sich selbst an der Mahlzeit aber nicht beteiligen. Dabei setzten sich Personen, welche an Magersucht leiden, ernsten gesundheitlichen Risiken aus. Eine Folge der Mangelernährung ist bei Frauen zum Beispiel ein Ausbleiben des weiblichen Zyklus, was am Ende zu Unfruchtbarkeit führen kann. Schuld sind Störungen im Hormonhaushalt, die sich auch auf das Wachstum der Haare und die Farbe der Haut auswirken können. Zusätzlich droht eine deutlich größere Anfälligkeit gegen Krankheiten, da die Immunabwehr geschwächt wird. In schweren Fällen droht sogar der Herztod oder ein Nierenversagen. Tritt die Erkrankung noch vor dem Erwachsenenalter auf, kann dies zum Ausbleiben des Größenwachstums führen und zieht eine lebenslange Beeinträchtigung nach sich.

Um die extremen Folgen der Anorexia nervosa zu verhindern, müssen Eltern, Verwandte sowie Freunde und Lebenspartner frühstmöglich eingreifen. In den meisten Fällen hilft nur eine Psychotherapie weiter, welche die Ursache der Essstörung bekämpft. Allerdings versagt dieses Mittel dann, wenn Betroffene an ihrem Verhalten unbedingt festhalten wollen. Im schlimmsten Fall muss eine stationäre Behandlung erfolgen, die mit einer künstlichen Ernährung verbunden ist. Wie in so vielen Fällen ist die Einsicht der erste Schritt zur Besserung – fehlt sie, kann das das Todesurteil bedeuten.

Top Artikel in Gesundheit