Skip to main content

Lebensmittelindustrie: Wir wollen alle nur das Beste

Wie groß ist doch manchmal die Versuchung, mal eben die Bedenken zur Seite zu schieben und sich dem Genuss von Fastfood hinzugeben. Die Folge ist das schlechte Gewissen, das sich jedoch durch den Hinweis auf die Biokuh schnell wieder beruhigen lässt.

Unsere Informationspolitik macht es auch Laien relativ leicht herauszufinden, was man da gerade auf dem Teller liegen hat. Zahlreiche Broschüren und Informationsquellen bieten den Listen der Deklarationspflicht Nahrung, welcher Zusatzstoff wohl im Körper was auslösen könnte, welche Konservierungsstoffe zu meiden und welche Hilfsstoffe nur der Optik dienen und eigentlich überflüssig sind. Einen Durchblick zu haben kann jedoch höchsten noch ein Experte für sich beanspruchen, der die vielen Einzelteile der modernen Nahrung ausgiebig studiert hat.

Wenn Informationsflut das Wissen stoppt

Wenngleich die Deklarationspflicht ermöglichen soll, dass der Konsument ohne viel Aufwand die Inhaltsstoffe eines Produktes identifizieren kann, so kann die Informationsflut, der wir täglich begegnen, genau das Gegenteil bewirken. Wer als Laie den Versuch macht, sich mit ökologischer und sozialer Verträglichkeit unter Berücksichtigung eines Mindestmaßes an Tierschutz seine Nahrung zu wählen, hat nicht nur schnell ein zeitraubendes Hobby, sondern eine Vollzeitbeschäftigung gefunden, die dem Leben des Sisyphus näher steht als dem Verständnis. Wenn gleichzeitig offizielle EU-Stellen darüber nachdenken, Herstellern die Prüfung ihrer Zusatzstoffe zu erleichtern oder ganz zu erlassen, stellt sich der mündige Mensch schnell die Frage, ob die älteren „E-Nummern“ wohl aus Bequemlichkeit durch das Prüfungsraster gefallen sind oder einfach vergessen wurden. Was bleibt sind Gütesiegel, die als Lichtblick in weiter Ferne dienen sollen und in großer Zahl den Markt überschwemmen, um dem Konsumenten (scheinbare) Sicherheit zu vermitteln.

Gütesiegel – Sicherheit oder Marketing?

Gütesiegel stehen in dem Ruf, dem Konsumenten grundlegende Eigenschaften der Produkte und ihrer Herstellung zu vermitteln. Tragische Realität ist jedoch die große Zahl der verfügbaren Siegel, deren Regelwerk zu verstehen mindestens soviel Aufwand erfordert wie die Übersetzung der Produktdeklarationen. „Bio“ und „Öko“ sind inzwischen geschützte Begriffe, doch die Umsetzung bleibt dem Menschen hinterlassen. Doch wer bestimmt, wann Kuh und Huhn ein „glückliches Leben“ führen, wenn doch zahlreiche Tierschutzorganisationen Tag für Tag aufs neue Richtlinien fordern, die von den offiziellen Stellen teilweise mit Unverständnis und Kopfschütteln belegt werden?

Lebensmittel

Lebensmittel @iStockphoto/Thomas Perkins

Auch die Wirtschaftlichkeit wird in Frage gestellt, wenn Gütesiegel als Marketingstrategien dienen und die aus deren Bürokratie resultierenden Zusatzkosten auf den Produktpreis aufgeschlagen werden. Irgendwoher muss es ja kommen, sonst war die ganze Arbeit mit biologischen Tier- und Pflanzenschutz sowie natürlicher Schädlingsbekämpfung umsonst. Da hilft auch der Wechsel zur vegetarischen Ernährung nicht weiter, da Plantagenarbeiter und Kleinbauern in den so genannten Entwicklungsländern nur bedingt etwas vom Kuchen abbekommen. Den reißen sich dann doch eher die Fruchtkonzerne unter den Nagel, wie es viele von ihnen mit der Arbeitskraft der Kleinbauern bereits seit Jahren betrieben.

Idealismus und Gentechnik

Gutes Aussehen ist wichtig in unserer Welt. Diese Mode macht jedoch auch vor der Ernährung nicht Halt. Gentechnisch veränderte Produkte sind in den USA bereits an der Tagesordnung, während man hierzulande noch dagegen ankämpft. Hybridsaatgut soll makelloses Gemüse bringen, das gegen Schädlinge und Krankheiten resistenter ist als natürliche Varianten. Wenngleich es nicht möglich ist, das pflanzeneigene Saatgut im nächsten Jahr wieder zu verwenden, sieht man auch von offiziellen Stellen her einer Zulassung immer offener gegenüber. Dann wird eben im nächsten Jahr neues Saatgut gekauft. Dem Idealismus scheint die Puste auszugehen, wenn er gegen die großen Herstellerkonzerne antreten muss.

Und dennoch scheint ein kräftiger Ruck durch die Konsumentenwelt zu gehen. Die Forderung nach mehr Transparenz ermöglichte zumindest das deutliche Wachstum von ökologischen und sozial verantwortungsbewussten Einkaufsmöglichkeiten. Zurück zum Eigenanbau und regionalen Produzenten statt Biokost aus fernen Ländern. Und sollte die Nahrung doch aus den so genannten Entwicklungsländern stammen, verhilft „Fair Trade“ zur Einbeziehung sozialer Aspekte neben der Berücksichtigung des ökologischen Anbaus.

Alternativen oder Ergänzung

Während man über den Sinn und Zweck von Gentechnik, Gütesiegeln und Verordnungen streiten kann, kann man sich dem Thema aber auch von der anderen Seite nähern. Auch wenn Bananen nicht gerade zu den typischen regionalen Angeboten unserer Breiten gehört, so bietet sich doch eine große Palette von einheimischen Obst- und Gemüseprodukten, die (zertifiziert und unzertifiziert) auf den immer noch zahlreichen Bauernhöfen ländlicher Regionen zuhause sind. Hier einzukaufen kann dabei ebenso bereits zum ökologischen Handeln gehören wie der Einkauf auf dem Markt in der Stadt. Naturkostfachgeschäfte, Reformhäuser und Bioläden verbreitern auch in der Stadt die Angebotspalette.

Wer jedoch die Chance hat, direkt ab Hof einzukaufen, sollte diese nutzen. Gerade im Gespräch mit dem Bauern erfährt man meist mehr als in jeder Fachzeitschrift und kann somit bei kleineren Anbietern ebenfalls gute, ökologische Qualität finden, die jedoch allein aus Gründen der Wirtschaftlichkeit gar nicht zertifiziert sind. Besondere Anbaumethoden wie beispielsweise Permakultur senken zusätzlich auch die nach der Bioverordnung erlaubten Pflanzenschutzmittel auf ein Minimum, da sich die Gewächse gegenseitig unterstützen und schützen. Die regionale Herkunft reduziert gleichzeitig die Nebenkosten, die als Energie- und Transportkosten zusätzlich anfallen, von der Schadstoffproduktion durch die Transporte ganz zu schweigen. Anderswo wird der eigene Garten zum Genussparadies: Neben der hektischen Arbeitswelt schafft man sich hier ein aktives Tätigkeitsfeld, dessen Ergebnis kaum zu übertreffende Aromen beherbergt. Mittels Gewächshäusern kann die Erntezeit dabei deutlich verlängert und das Genussvergnügen bis weit in das Jahr hinein erweitert werden.

Sich gut, ökologisch und sozial zu ernähren ist heute sicherlich nicht leicht. Das soziale Gewissen ist gut ausgeprägt, das Bewusstsein lernt täglich dazu. Die Werbung verkauft, was die Hersteller anbieten und verlockt sicherlich immer mal wieder zum schwachwerden. Doch jeder kann seinen Beitrag zu gesunder und bewusster Ernährung beitragen, die nicht zu Lasten der anderen geht. Jeder kann etwas tun, jeder an seiner Stelle. Damit am Ende das Beste für uns nicht das schlechteste für die Anderen ist.

Top Artikel in Ernährung