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Schlaganfall: Und plötzlich ist die Sprache weg

Es war ein warmer, schöner Nachmittag, an dem die Rentnerin Gertrud B. gemeinsam mit ihren Freundinnen durch den Park spazieren ging, die Sonnenstrahlen und die nette Gesellschaft genoss, als plötzlich ihr rechter Arm und das rechte Bein nicht mehr gehorchen wollten. Wenn die Freundinnen sie nicht aufgefangen und zu einer nahe gelegenen Bank gebracht hätten, wäre sie der Länge nach gestürzt. Ihr wurde schwindelig und sie wollte noch sagen, dass ihr furchtbar übel sei und der Kopf schmerzte, doch es kamen nur undeutliche Laute über ihre Lippen – sie fand weder die richtigen Worte noch konnte sie sich artikulieren. Angst und Schrecken machten sich breit – sie hatte ihre Sprache verloren. Eine vorbeijoggende Frau erkannte die Notlage der Frauen und alarmierte den Notarzt, der einen Schlaganfall diagnostizierte und Gertrud B. umgehend ins Krankenhaus transportieren ließ.

„Ein akuter Schlaganfall, auch Apoplex oder Insult genannt, ist ein dringender Notfall, der sofort notärztlicher Hilfe bedarf. Er beruht meist auf einer plötzlich auftretenden Durchblutungsstörung oder Blutung im Gehirn mit unterschiedlichen klinischen Symptomen und Auswirkungen“, erläutert Prof. Dr. Horst Wilhelm Kniemeyer, Direktor der Klinik für Gefäßchirurgie und Phlebologie im Elisabeth-Krankenhaus in Essen, den Notfall. „Symptomatisch für einen Schlaganfall ist neben der auftretenden Schwäche auch die Lähmung oder Gefühlsstörung einer oder mehrerer Gliedmaßen. Diese ist in den meisten Fällen halbseitig manifestiert. Zusätzlich kann es zu Sprach- und Sehstörungen kommen – z.B. Sehen von Doppelbildern, kompletten oder teilweisen Sehverlust – und zu Störungen in der Gesichtsfeldwahrnehmung. Daneben treten Bewusstseinsveränderungen auf, wie Verwirrtheit, Erregtheit, psychische Veränderungen, Koma oder auch epileptische Krampfanfälle. Begleitet werden die Symptome oftmals von Übelkeit.“

Wenn dem Gehirn die Luft weg bleibt

So wie Gertrud B. erleiden jährlich etwa 220.000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall, rund 136.000 davon sind Frauen. Die Sterblichkeit bei Schlaganfällen liegt zwischen 40 und 45 Prozent. „Die Durchblutungsstörung im Gehirn kann beispielsweise durch eine Verengung, Verstopfung oder durch einen Einriss eines oder mehrerer Blutgefäße verursacht sein“, erläutert Dr. Volkmar Bongers, Leitender Arzt der Abteilung für Angiologie im Elisabeth-Krankenhaus in Essen, die Ursachen des Schlaganfalls. „Das Blut kann nicht mehr ungehindert durch das Gehirn fließen. Die Folge dieser Durchblutungsstörung ist eine Mangelversorgung der Nervenzellen im Gehirn mit Sauerstoff und Nährstoffen, wodurch diese zugrunde gehen. Das Gehirn bekommt sprichwörtlich keine Luft mehr, ihm wird der Sauerstoff abgestellt. Es wird auch von einer Mangeldurchblutung, der sogenannten Ischämie, gesprochen. Sie ist mit 63 Prozent die häufigste Ursache des Schlaganfalls und kann durch eine Thrombose oder durch eine Embolie ausgelöst werden“, so der Spezialist weiter. „Bei einer Thrombose verstopft ein Blutpfropf – der sogenannte Thrombus – eine Arterie. Diese Art der Gefäßverschlüsse entstehen vor allem in bereits geschädigten Hirngefäßen, beispielsweise durch eine Arteriosklerose. Liegt eine Embolie vor, dann haben sich zuvor Blutgerinnsel im Herzen oder in den großen, zum Gehirn führenden Gefäßen gebildet. Von diesen Blutgerinnseln können sich Teile lösen, werden durch den Blutstrom in das Gehirn transportiert und verursachen dort den Verschluss eines wichtigen Blutgefäßes. Etwa 25 Prozent aller Schlaganfälle entstehen durch das Platzen eines Blutgefäßes oder eines Aneurysmas – einer Gefäßaussackung im Gehirn –, es wird dann auch von einem hämorrhagischen Schlaganfall gesprochen. Dabei kommt es zu einer Hirnblutung, bei der sich Blut in das umliegende Hirngewebe ergießt.“

Schlaganfall

Schlaganfall @iStockphoto/KyKyPy3HuK

Über eine Million Menschen in Deutschland leben mit den mehr oder weniger schweren Folgen und Behinderungen eines Schlaganfalls. „Ein Schlaganfall darf auf keinen Fall als unausweichliches Schicksal hingenommen werden, denn viele Schlaganfälle könnten schon im Vorfeld vermieden werden“, so Prof. Dr. Kniemeyer. „Der Mensch kann seine Gesundheit aktiv durch vorbeugende Maßnahmen beeinflussen.“

Schlaganfall – Schicksal oder vermeidbar?

Der Schlaganfall gehört neben Krebs- und Herzerkrankungen zu den sogenannten Volkskrankheiten, er ist die dritthäufigste Todesursache und die häufigste Ursache für eine lebenslange Behinderung. Doch wen wann und warum ein Schlaganfall trifft, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. „Es gibt einige nicht beeinflussbare Faktoren, die das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, erhöhen. Beispielsweise das Alter, das Geschlecht oder erbliche Faktoren. Es erleiden z.B. mehr Frauen als Männer einen Schlaganfall und mehr alte als junge Menschen“, so Prof. Dr. Kniemeyer. „Andere Risikofaktoren sind durch den Lebenswandel des Einzelnen bestimmt und daher auch vom Einzelnen beeinflussbar. Dazu gehört unter anderem das Rauchen, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Diabetes mellitus. Auch die Ernährung spielt eine wichtige Rolle: Übergewicht und zu hohe Cholesterinwerte erhöhen das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen ebenso wie Bewegungsmangel. Es ist erwiesen, dass Bewegungsmangel das Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu erkranken – zu denen auch der Schlaganfall gezählt wird – erhöht.“ Diese Faktoren und Erkrankungen haben in den überwiegenden Fällen eine Arteriosklerose zur Folge – im Volksmund auch als Arterienverkalkung bezeichnet. Darunter wird eine Ablagerung von Blutfetten, Thromben, Bindegewebe und Kalk in den Blutgefäßen verstanden. Wörtlich übersetzt bedeutet Arteriosklerose eine bindegewebige Verhärtung der Schlagadern, die ist normalerweise Teil des natürlichen Alterungsprozesses und bei einem etwa 80jährigen Menschen praktisch immer vorhanden. In jüngeren Jahren wird dieser Alterungsprozess aber durch die genannten Risikofaktoren stark beschleunigt und kann unter anderem bei Befall der Halsschlagader einen Schlaganfall zur Folge haben.

Neben der Arteriosklerose der hirnversorgenden Blutgefäße sind Herzerkrankungen eine weitere wichtige Ursache für den Schlaganfall, dazu gehören unter anderem die Herzklappenfehler und allen voran die Herzrhythmusstörungen, insbesondere das so genannte Vorhofflimmern. Darunter werden Störungen in der normalen Herzschlagfolge verstanden. Diese Störungen werden durch krankhafte Veränderungen bei der Erregungsbildung verursacht. Bei den Herzerkrankungen besteht die Gefahr, dass sich Blutgerinnsel im Herzen bilden, die sich ablösen, mit dem Blutstrom in die Hirngefäße gespült werden und dort die Gefäße verstopfen können.

Moderne Medizin kann helfen

„Fakt ist, dass das Schlaganfallrisiko um so deutlicher ansteigt, je mehr Risikofaktoren vorhanden sind. Eine Vermeidung und konsequente Behandlung ist der beste und sicherste Weg im Kampf gegen den Schlaganfall. Die Prophylaxe ist bei einem Schlaganfall von immenser Bedeutung“, weiß Dr. Bongers aus der täglichen Praxis. „Die richtige Einstellung des Blutzuckers ist genauso wichtig wie die konsequente Einstellung des Blutdrucks und die Einnahme von notwendigen Herzrhythmus-Medikamenten. Würde beispielsweise ein zu hoher Blutdruck dauerhaft unter 130 zu 80 mmHg gesenkt, wären bereits mehr als ein Drittel aller Schlaganfälle vermeidbar.“ Um nach einem Schlaganfall die Ursachen zu diagnostizieren bzw. die Gefahr eines Schlaganfalls bei Risikopatienten einzugrenzen, können verschiedene Untersuchungen durchgeführt werden. Dazu gehören neben Blutuntersuchungen unter anderem das EKG, die Duplexsonografie – eine spezielle Ultraschalluntersuchung, bei der die hirnversorgenden Blutgefäße dargestellt werden – und/oder eine Magnetresonanz-Angiographie und Tomographie (MRT/MRA), bei der auf Röntgenstrahlen verzichtet werden kann. „Liegt eine hochgradige Verengung der Halsgefäße vor, so ist zur Vermeidung eines Schlaganfall bzw. um einen erneuten Schlaganfalls zu verhindern, die aktive, meist operative Behandlung der nächste Schritt“, erläutert Prof. Kniemeyer die Therapie. „Bei der Operation wird eine so genannte Ausschälplastik vorgenommen, wobei die einengenden arteriosklerotischen Veränderungen der Halsarterie entfernt werden. Alternativ kann auch eine zur Zeit nur in Studien und zugelassenen Zentren akzeptierte Stentimplantation vorgenommen werden. Dabei wird ein Stent, ein Implantat, das aus einem kleinen röhrenförmigen Gittergerüst aus Metall besteht, in das betroffene Gefäß eingebracht, um die Gefäßwand nach außen abzustützen. Beide Verfahren müssen mit größter Sorgfalt vorgenommen werden, da ein gewisses Risiko besteht, während der Maßnahme einen Insult zu erleiden. In erfahrenen Händen ist dieses Risiko jedoch gering. Aus diesem Grund wird bei uns im Elisabeth-Krankenhaus stets in enger Zusammenarbeit zwischen Angiologen und Gefäßchirurgen fallbezogen entschieden, welche Behandlungsform für den einzelnen Patienten – unter Berücksichtigung seiner gesundheitlichen Gesamtsituation – die geeignetste ist.“

Vorboten ernst nehmen, schalten Sie Ihr Frühwarnsystem ein

Nicht jeder Risikopatient ist sich der Gefahr eines drohenden Schlaganfalls bewusst. Dabei kündigt sich ein Schlaganfall manchmal bereits Wochen vorher an. Doch nur die wenigsten Betroffenen achten auf oder kennen überhaupt solche Vorboten: kurzzeitige (Sekunden oder Minuten dauernde) Blindheit oder Sehstörungen auf einem Auge, sehen von Doppelbildern, Lähmungserscheinungen oder Taubheitsgefühl in den Armen und Beinen, manchmal auch Kribbeln und Missempfindungen in den Extremitäten, kurzzeitige Sprachstörungen, Schwindel und extrem starke und einmalig auftretende Kopfschmerzen. Alle Symptome verschwinden meist vorübergehend wieder oder treten in einer abgeschwächten Form auf, so dass die betroffenen Personen nicht an einen möglichen oder drohenden Schlaganfall denken. „Wir können nur allen Menschen raten, reduzieren Sie die Risikofaktoren, lassen Sie sich behandeln und achten Sie auf die Signale Ihres Körpers. Nur so kann das Risiko eines Schlaganfalls vermieden werden“, empfehlen Dr. Bongers und Prof. Dr. Kniemeyer. „Ganz wichtig, haben Sie bei sich oder bei einem anderen eines der genannten Symptome entdeckt, dann sollten Sie bzw. die betroffene Person unbedingt und unverzüglich einen Arzt aufsuchen. Werden die Symptome – wie im Fall von Gertrud B. – frühzeitig erkannt und rechtzeitig behandelt, dann lässt sich möglicherweise der Schaden am Gehirn in Grenzen halten oder ganz vermeiden.“

EKE

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