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Die richtige Pflege für Piercings

Egal, ob im Ohr, in der Zunge, an der Nase, an der Lippe oder auch am Bauchnabel, Piercings liegen nach wie vor voll im Trend. Dennoch, jedes einzelne Piercing ist für den Körper eine Verletzung beziehungsweise Verwundung. Um Komplikationen zu vermeiden, müssen wir diesen Stellen besondere Pflege zukommen lassen.

Seit Jahrtausenden üben die Menschen diesen Brauch, bestimmte Haut- und Körperstellen zu durchstechen beziehungsweise zu schmücken, aus. In Mitteleuropa erlebte diese Mode insbesondere durch die aufflammende Punk- und Technobewegung eine Renaissance. Gerade für Punker waren Piercings Symbole des Gesellschaftsprotests und der Revolte, unbedingt auch ein Mittel bewusster Abgrenzung.

Diesbezüglich hat sich vieles verändert, denn Ringe und Stecker in Gesicht und Körper sind heute als Schmuck anerkannte Accessoires. So sind Piercings mittlerweile gesellschaftsfähig geworden, selbst in höheren Leitungsebenen sind ihre Träger anzutreffen. Laut einer Studie der Ruhr-Universität Bochum tragen circa sechs Prozent der deutschen Bevölkerung ein Piercing. Würde man hierbei auch noch Ohrlöcher mit einbeziehen, sprechen wir sogar von gut 40 Prozent der Menschen.

Mögliche Probleme in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Piercing

Wenn wirklich alles gut läuft, dann verheilt der Bereich des Piercings in wenigen Wochen vollständig. In den durchstochenen Stellen bilden sich glatte Kanäle, die durch Hautzellen sauber ausgekleidet werden. Damit tendiert dann das Risiko für Infektionen gegen null. Aber leider läuft eben nicht immer alles so problemlos ab. Infektionen sind in der Folge zwar die häufigsten, aber zugleich auch die „harmlosesten“ Komplikationen, es kann auch schlimmer kommen: Lang anhaltende Blutungen, Ausrisse, wulstige Vernarbungen, Allergien und auch nachhaltige Gefühlsstörungen durch Nervenverletzungen können als Folgen der Piercings eintreten.

Piercings

Piercings ©iStockphoto/IPGGutenbergUKLtd

Allergische Reaktionen:

Gerade der Piercingschmuck, der zum ersten Mal in die noch „offene“ Wunde eingesetzt wird, sollte von sehr hoher Qualität sein in dem Sinne, dass dieser möglichst keine allergenen Stoffe wie zum Beispiel Nickel enthält. Und dennoch kann es manchmal zu allergischen Reaktionen kommen. Dabei spielen bestimmte Verunreinigungen oder auch ein Pflegemittel eine Rolle. Gerade jodhaltige Pflegeprodukte können solche Reaktionen provozieren.

Im Jahre 2008 wurde eine britische Studie über derartige Komplikationen veröffentlicht. Von rund 10. 000 befragten Teilnehmern klagten circa 15 Prozent über Probleme am Bauchnabel, 14 Prozent berichteten über massive Probleme am Ohr, 24 Prozent beschrieben einen sehr schlechten Heilungsverlauf an der Zunge und knapp 9 Prozent litten unter Komplikationen an der Nase. Aber mit Abstand die größten Schwierigkeiten bekamen die Befragten im Intimbereich, nämlich fast jeder Zweite.

Das weiche Gewebe der Ohrläppchen ist hinsichtlich des Piercings vergleichsweise gutmütig, während überall dort, wo Knorpelmaterial betroffen ist, Entzündungen wegen der schlechten Durchblutung nur schwer abheilen können. Da bei Piercingwunden die Bildung einer schützenden Kruste (Schorf) arg behindert ist, muss unbedingt auf absolute Sauberkeit beziehungsweise sogar Sterilität geachtet werden, bis sich innerhalb des Stichkanals eine dünne Hautschicht (Tunnelnarbe) gebildet hat.

Eine gute Ausbildung der Mitarbeiter im Piercingstudio ist entscheidend

Der Preis für den schönen Piercingschmuck kann zuweilen sehr hoch sein, dann nämlich, wenn der Piercer nicht professionell arbeitet. Und damit sind nicht der Griff ins Portemonnaie gemeint, sondern der lang anhaltende hohe Aufwand und die Schmerzen durch mögliche gesundheitliche Komplikationen. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass der Piercer kein geschützter Beruf ist, dessen Ausbildungsweg durch irgendeine medizinische Kontrollinstanz vorgegeben ist, was eigentlich wünschenswert und auch notwendig wäre.

Im Prinzip darf heute jeder Laie anderen Menschen mit Nadeln Löcher durch die Haut stechen. Die einzige Voraussetzung ist eine schriftliche Zustimmung des Kunden. Dies gilt übrigens auch so für Tätowierungen, die viele Piercer an einem zweiten Arbeitsplatz gleich mit erledigen. Piercen kann den Tatbestand der Körperverletzung erfüllen. Hat der Kunde sich der Prozedur freiwillig unterworfen, kann aber der schlechte Piercer kaum belangt werden. Aus diesem Grunde ist sehr zu empfehlen, dass sich jeder Kunde im Vorfeld gut und eingehend darüber informiert, ob das ausgewählte Piercingstudio über gute Referenzen verfügt.

Das Aufklärungsgespräch

Ein gutes Piercingstudio bietet ein eingehendes Beratungsgespräch an, bevor es losgehen soll. Hierbei werden die bestehenden Risiken dargelegt und der Kunde nach seinen individuellen Vorerkrankungen und Allergien befragt. Wenn ein Piercer sofort bereit ist, jeden Wunsch ohne weitere Befragung aktiv auszuführen, ist Skepsis angebracht.

Eine gute Hygiene

Der Piercer muss sterile Handschuhe tragen, alle Gerätschaften, die er verwendet, müssen zunächst keimfrei verpackt sein. Wie man ein seriöses Piercingstudio erkennen kann, erläutert der Internetauftritt der „Deutschen Gesellschaft für Piercing“:

Viele Menschen stellen in diesem Zusammenhang die Frage, warum sie ihr Piercing nicht bei ihrem Arzt durchführen lassen können. Das liegt daran, dass Ärzte sich dazu verpflichtet haben, Eingriffe bei ihren Patienten nur dann vorzunehmen, wenn diese auch wirklich medizinisch notwendig sind.

Gründliche Pflege und regelmäßige Desinfektion

In den ersten Tagen und Wochen ist eine tägliche Desinfektion sehr wichtig. Dazu bieten die Apotheken verschiedene antiseptische Lösungen an. Die flüssigen Varianten eignen sich auf jeden Fall besser als Salben, da sie auch gut an jede versteckte Position gelangen können. Solange die Wunde noch recht frisch ist, sollte man nicht baden beziehungsweise nicht in ein Schwimmbad gehen, wo immer mit Viren und Bakterien und zum Teil auch mit Pilzen zu rechnen ist. Auch ein Pflaster erzeugt eher einen feucht-warmen Brutkasten für Keime. Es ist für die Heilung besser, Luft an die Wunde zu lassen.

Zusammenfassung der wichtigsten Regeln

– Das frische Piercing erst einmal völlig in Ruhe lassen.
– Keine Berührung mit der Hand, wenn diese unmittelbar zuvor nicht desinfiziert wurde.
– Unnötiges Berühren auf jeden Fall unterlassen.
– Schwimmbad, Sauna und Solarium sind anfangs tabu.
– Nur Duschen, statt Baden.
– Den Kontakt mit Seife oder Duschgel vermeiden.
– Fremde Körperflüssigkeiten wie Schweiß, Speichel, Sperma bedeuten eine hohe Gefährdung.
– Reiben oder Drücken im Bereich des Piercings (auch wenn es juckt) unterlassen.

Wer Blut verdünnende Medikamente wie ASS, Aspirin, Heparin, Cumarin oder Antikoagulantien einnehmen muss, wird eine zum Teil erhebliche Verzögerung bei der Wundheilung feststellen. Daher empfehlen wir im Vorfeld die Konsultation eines Arztes.

Bis zur endgültigen Abheilung des Piercings gilt:

Bei Intimpiercings
Dazu zählen zum Beispiel das Klitorisvorhautpiercing, das Frenulumpiercing, das Prinz-Albert-Piercing und das Hafada-Piercing. Jede sexuelle Aktivität ist Gift für den Heilungsprozess. Übliche Desinfektionsmittel kommen in diesen von Schleimhäuten dominierten Bereichen nicht infrage. Daher empfehlen wir eine Beratung in einer Apotheke, wo es speziell für diese Art von Piercings entwickelte Pflegemittel wie zum Beispiel Betaisodona zu kaufen gibt.

Bei Haut- und Knorpelpiercings
Zu dieser Sorte gehört beispielsweise das Augenbrauenpiercing Helix oder das Bauchnabelpiercing. Zu vermeiden sind alle Arten von Make-up, Cremes oder Puder, da diese Stoffe in einer offenen Wunde nichts zu suchen haben. Insbesondere auch Haarfärbemittel, die in eine solche Wunde gelangen, machen große und schmerzvolle Probleme.

Bei Oralpiercings
Hierzu zählen das Lippen- und Zungenbandpiercing beziehungsweise das Zungen- und Lippenpiercing. Der Austausch von Körperflüssigkeiten, also auch das Küssen, alle Arten von Milchprodukten, Bier, scharf gewürzte Speisen, sehr kalte oder sehr heiße Speisen sind unbedingt zu vermeiden. Auch auf das Rauchen muss anfangs verzichtet werden. Bei Zungenpiercings empfehlen wir eine weiche Ernährung, damit ist zum Beispiel Haferschleim gemeint, da sich feste Nahrung ziemlich kontraproduktiv auf die Abheilung auswirkt. Zur Wundpflege sollte möglichst viel Kamillentee oder Hamamelis getrunken werden. Darüber desinfizieren antiseptische Mundspülungen die Zunge und wirken im Ergebnis abschwellend.

Warum die Piercings immer wieder gedreht werden sollen

Unser Körper neigt zu Verwachsungen. Fremdkörper, die aufgrund ihrer Größe nicht von den Killerzellen aufgelöst werden können, werden verkapselt und überwuchert, so hundertfach geschehen bei Kriegsveteranen mit Bombensplittern. Um den nachhaltigen direkten Kontakt der neuen Hautzellen mit dem Fremdkörper zu unterbinden, sollte der Ring oder Stab während der Abheilung regelmäßig (ein- bis zweimal pro Tag) gedreht werden, auch wenn dies manchmal mit leichten Schmerzen verbunden ist. Nach 14 Tagen hat sich dann eine neue Haut gebildet, die nicht mehr dazu neigt, sich mit dem Fremdkörper verwachsen zu wollen.

Zum Desinfizieren der Hände stellen die Apotheken eine sogenannte „Arztseife“ bereit. Krusten, die sich um das frische Piercing bilden, können einfach mit lauwarmem Wasser, Kamillentee oder mit Wasserstoffperoxid aufgelöst und danach mit einem nicht fusselnden Tuch (nicht mit den Fingern) entfernt werden.

Octenisept ist ein gut geeignetes Desinfektionsmittel, das großzügig auf das frische Piercing aufgetragen werden kann, um es circa 30 Sekunden einwirken zu lassen. Danach ist dann das Drehen oder Schieben in der Wunde möglich, ohne eine Entzündung zu provozieren. Anschließend sollte die Haut um das Piercing herum mit Wasser, Kamillentee oder Desinfektionsmittel gereinigt werden und zum Beispiel mit einer neuen Mullbinde vorsichtig abgetupft werden. Diese Art der Wundpflege sollte zweimal täglich etwa 14 Tage lang konsequent durchgeführt werden. Mehr kann sogar eher schädlich sein und immer daran denken, dass das Piercing in dieser sensiblen Anfangsphase nie entfernt werden darf.

Octenisept enthält übrigens keinen Alkohol, denn dieser ist hydrophil und trocknet die Haut aus mit der Folge der Rissbildung. Cremes und Salben sollten deshalb gemieden werden, weil sie den Wundkanal verstopfen und so den wichtigen natürlichen Abfluss von Wundsekreten behindern. Wundcremes und Salben sind generell für oberflächliche Verletzungen konzipiert. Piercings gehören nicht dazu. Die gleichzeitige Verwendung mehrerer unterschiedlicher Wundpflegemittel kann zudem zu gefährlichen chemischen Reaktionen untereinander führen.

Wann sollte unbedingt ein Arzt konsultiert werden?

Wenn sich über längere Zeit eine deutliche Rötung entwickelt, die Wunde immer wieder nässt und sich eine zunehmende Entzündung entwickelt, die auch Schmerzen verursacht, ist es höchste Zeit für einen Arztbesuch. In solchen Fällen kann es passieren, dass der (vermeintliche) Schmuck schnell entfernt werden muss. Es kann überdies auch geschehen, dass der Patient dann auf den Behandlungskosten sitzen bleibt, weil die gesetzlichen Krankenkassen nicht dazu bereit sind, für selbst verschuldete Notwendigkeiten der ärztlichen Behandlung aufzukommen. An dieser Stelle schließt sich der Kreis zu dem Hinweis auf ein zertifiziertes Piercingstudio.

Auf keinen Fall sollte man den Schmuck einfach nur selbst herausreißen. Dadurch kann das inzwischen vergiftete Wundsekret sehr tief in die offene Wunde vordringen und eine schwere Sepsis (Blutvergiftung) auslösen. Auch chirurgische Eingriffe lassen sich dann nicht mehr umgehen.