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Verliebt in eine Stimme

In unseren modernen Zeiten lernen wir nicht mehr nur im Freundeskreis, auf der Arbeit oder in Diskotheken und Kneipen Menschen kennen. Viele Bekanntschaften ergeben sich indirekt zum Beispiel über Single-Börsen im Internet. Nachdem man sich hier durch den Austausch von E-Mails besser kennengelernt hat, steht unter Umständen irgendwann ein Telefonat an. Keine Frage, ein unmittelbarer, d.h. nicht zeitentzerrter Kontakt per Telefon kann spannend sein – hier erlebt man zum ersten Mal, wie sich das Gegenüber ausdrückt und wie spontan es ist. Es kommt aber noch was ganz Wesentliches hinzu: Die Stimme.

Wie viele Forscher betonen, ist die Stimme neben nonverbalen Gesten und Blicken mit ein Hauptgrund, wieso sich zwei Menschen ineinander verlieben. Kein Wunder, verrät uns doch die Stimme eines zuvor fast Fremden viel über seine Persönlichkeit. Während uns Bilder nur einen Eindruck in Bezug auf Äußerlichkeiten geben können, glauben wir von der Stimme auf Charaktereigenschaften schließen zu können. Abgesehen davon, ist die Stimme wesentlich dafür verantwortlich, ob wir uns in der Nähe einer Person wohlfühlen. Sie kann Wärme und Herzlichkeit vermitteln, aber auch Nervosität, Egozentrik, Angespanntheit und Exzentrik.

Nicht allein die Tonlage ist somit ausschlaggebend – auch wenn wir durch unsere kulturelle Prägung eher Männer mit tiefen und Frauen mit höheren (aber nicht zu hohen!) Stimmen bevorzugen. Natürlich zählt in erster Linie der Inhalt des Gesagten, aber eben auch die Eigenschaften, die wir zwischen den Sätzen herauszuhören glauben. Dabei ist auch das „Wie“ entscheidend. Wenn jemand zwar eine angenehme Stimme hat, allerdings ständig herumfabuliert oder sich zu kompliziert – und somit zu distanziert – ausdrückt, stößt das zumeist nicht auf große Gegenliebe. Sehr viel angenehmer ist, wenn das Gegenüber gut und interessant erzählen kann, wortgewandt ist aber auch schlicht und einfach einmal den Mund halten kann, um anderen zuzuhören.

Stimme

Stimme @iStockphoto/Rudyanto Wijaya

Gerade wenn man also einen potenziellen Partner in der Kennenlernphase zunächst nur per Telefon kontaktieren kann, ist es durchaus möglich, dass man sich in die Stimme und die Ausdrucksweise des Anderen verliebt. Sogar kleine „Macken“ – also verbale individuelle Angewohnheiten – können einen gewissen Reiz ausüben, machen sie die Person am anderen Ende der Leitung doch einzigartig und zu etwas Besonderem.

Spannend wird es jedoch, wenn man den nächsten Schritt wagt, und sich zu einem Treffen entscheidet. Ist es möglich, dass man sich durch die Stimme ganz andere Vorstellungen von dem Gegenüber gemacht hat, die einer Überprüfung bei einem Face-to-Face Kontakt nicht standhalten können? Natürlich ist dieses möglich, es muss aber nicht der Fall sein. Unsere Intuition ist meistens gar kein so schlechter Ratgeber. Zudem hat man ja nicht nur die Stimme vernommen, sondern sich durch den Inhalt des Gesagten bereits ein erstes Bild vom Gegenüber machen können.
Eines wird das erste Treffen aber unbedingt erleichtern: Wenn man die Stimme des Date-Partners bereits gut kennenlernen konnte, wird einem dieser, wenn man ihm schließlich gegenübersteht, nicht allzu fremd vorkommen. Eine bekannte (und positiv wahrgenommene) Stimme beruhigt und sorgt für Wohlbefinden. Ein erster Schritt in Richtung Nervositätsabbau ist somit schon getan und man kann das erste Date viel besser genießen. Ob es dann tatsächlich etwas wird und man mit dem Besitzer der geliebten Stimme zusammenkommt, bleibt abzuwarten.